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Festgefahrene Antikörper in El Alamein

Die Stadt bleibt zwar unerobert, wie mir heute klarwurde, als ich in die Universitaetsbibliothek nicht hineinkam, in der die Aushaenge fuer die lustigsten Veranstaltungen haengen - aber gestern war der Tagtag.

Wir alle fuhren nach Alexandria. Auf der Fahrt unterhielt ich mich mit dem Libanesen T., der mich ueber die politische Lage bei ihnen informierte, nachdem er mich ueber Geschichte ausgefragt hatte. Zunaechst meinte E., ein anderer Libanese, sie duerften darueber nicht reden, weil ihre von der Groupleader-Tante deswegen Stress mit den
Aegyptern haben wuerde, dann erzaehlten sie doch, dass Syrien ihr Land zu uebernehmen versucht. Sie bewerten sich als sehr westlich und multilateral beeinflusst, ausserdem als kriegsmuede. Die Syrer hingegen sehen sie wegen der immer noch regierenden Baathisten als vergleichsweise mittelalterlich und militaristisch an. Die libanesische Regierung ist in ihren Augen nur eine syrische Marionette, so dass die immer weiter reichende Einmischung nicht bekaempft werden kann, da ja die UN nur mit Regierungen verhandelt.

Ich: So, what would you think about the US going to Syria and replacing the government there like they planned?

T.: I would be very graceful for them to do so.

E.: Yeah, yeah.

Sie meinten ausserdem, dass sie sich tierisch freuen wuerden, wenn durch den Sturz der syrischen Regierung auch die Hizbollah keine Unterstuetzung mehr bekommen wuerde, weil sie sich dann endlich mit Israel besser vertragen koennten, was ihnen offenbar wichtig ist.

In Alexandria angekommen, frage ich unser tolles gastgebendes Organisationstalent Ayman wie jeden Tag, ob wir nun nach Alamein fahren. Er: Ich habe mit Dr. Hani gesprochen und muss dir leider sagen, das wird schierig. Ich: Heisst das also, wir fahren nicht? Er setzt wieder zu irgendeinem Sermon an, so dass ich schnell dazu uebergehe, mithilfe von Wael und einem Taxifahrer die Transportlage zu klaeren. Wir handeln den Fahrer von 100 Euro auf 300 Pfund runter (fuer 2 x 114 km und etwa 6 Stunden), jetzt muss ich aber Mitstreiter finden und finde sie nicht. Als auch noch T. abspringt, weil er lieber die Bibliothek sehen will, beschliesse ich, notfalls auch allein zu fahren, weil es beim naechsten Mal sicher teurer werden wuerde. Jetzt rennt mir die Zeit davon, weil es auf 14 Uhr zugeht, (alles geht in aegyptischem Tempo...), da sagt die eine Aegpterin, dass Dr. Hani verboten haette, dass irgendjemand sich allein so weit von der Gruppe entfernt. Ich kann es im Grunde nachvollziehen und frage deshalb nun die Aegypter, wer von ihnen mitkommt. Alle sagen nein, und zwar durchweg mit der Begruendung, dass sie es nicht sehen wollten. Ich flippe aus und weise laut darauf hin, dass die Fahrt immerhin im Programm stand und es wenigstens einer fertigbringen koennte mitzufahren. Danach ist Wael ploetzlich wie ausgewechselt und leiht mir sogar einen Teil des Geldes, ich laufe
nochmal durch die verstreute Gruppe, um das restliche Geld zusammenzubekommen (nebenbei: Wir sind in der Zitadelle, die angeblich dort ist, wo der antike Leuchtturm gewesen soll, von dem natuerlich keine Ueberreste mehr gibt), dann geht es endlich los.

Sozusagen Pilgerfahrt: nur ich und der Taxifahrer.

Taxi driver Garam and his taxi

Er hat schon immer die deutschen Touristen zu den deutschen Helden gekarrt und ist einigermassen verbluefft, dass ich den deutschen Friedhof gar nicht sehen will. Der Vollstaendigkeit halber sehe ich ihn mir an, ein grosses Stueck Kriegerarchitektur mit der ganzen Friedensheuchelei, ich schreibe ins Gaestebuch: Gedenkt nicht nur ihres sinnlosen Todes, sondern vor allem ihrer furchtbaren Taten.

German hypocrisyItalian monstrosity

Der italienische Friedhof ist zu meiner Ueberraschung viel groesser und prunkvoller, Architektur so futuristisch wie damals, dass ich mich wirklich wundere. Der Taxifahrer Garam bekommt mit, dass ich hier keine Angehoerigen besuche und fahert mich nun zum Commonwealth War Cemetery.

Commonwealth Cemetery InscriptionCemetery Information 

Eine riesige Graeberflaeche, die greifbar macht, wieviele Menschenleben geopfert werden mussten, um die Nazis aufzuhalten. Ich laufe herum und mache Fotos, Garam fotografiert mich vor dem Denkstein "Their names liveth evermore".

Commonwealth CemeteryKulla in front of the MemorialIndividual Gravestone

Ich sage ihm, dass sie das Richtige getan haben, dass es auf jeden von ihnen wirklich ankam. Dann gehen wir vom Friedhof runter und erst jetzt sagt Garam, dass ein Verwandter von ihm hier beerdigt ist.

Spaeter im Taxi, nachdem er endlich nicht mehr weint, lange nachdem er mich vor einem Sherman fotografiert hat, erzaehlt er, dass die Deutschen immer nur ihre Helden sehen wollten, wenn sie ueberhaupt auf den britischen Friedhof gingen, dann immer zu den 'Feinden'. Er wollte nie mit und blieb deshalb immer draussen.

Kulla posing in front of a Sherman tank 

Diesmal war das erste Mal, dass er mitkam.

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Als ich spaeter sicher mehr als zehnmal nach Alamein gefragt werde und die Geschichte erzaehle, begreifen die anderen zum ersten Mal, was der Punkt war und bedauern nun doch, nicht hingefahren zu sein. Ich sage, vielleicht war es gut so, ich musste es vielleicht genauso tun.



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